Vielleicht kennst du den Satz „Ich bin einfach so“ — als Erklärung dafür, warum wir in bestimmten Situationen immer wieder gleich reagieren: schnell laut werden, uns überfordert fühlen, in alte Muster zurückfallen. Die Neurowissenschaft zeigt heute etwas anderes: Diese Muster sind nicht in Stein gemeißelt. Sie sind trainierbar.
Was Neuroplastizität wirklich bedeutet
Lange galt die Annahme, das Gehirn sei nach der Kindheit weitgehend festgelegt — ein starres Organ, das sich kaum noch verändert. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat das widerlegt. Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich ein Leben lang zu verändern, neue Verbindungen zu bilden und bestehende zu stärken oder abzubauen.
Prof. Dr. Gerd Kempermann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) bringt es auf den Punkt: Alles, was wir tun, erleben und lernen, formt unser Gehirn — das gilt für Bewegungen genauso wie für Gedanken und Gefühle. Wiederholte Denkmuster hinterlassen im Gehirn eine Spur, die sich mit jeder Wiederholung vertieft.
Trainierbar wie ein Muskel — mit einer wichtigen Einschränkung
Das Gehirn ist biologisch kein Muskelgewebe, aber die Analogie trifft den Kern der Sache: Neurologin Elisabeth Frank fasst es so zusammen: Neuroplastizität lässt sich letztlich trainieren wie ein Muskel. Nutzt du eine bestimmte Fähigkeit oder Reaktion häufig, werden die zugehörigen neuronalen Verbindungen stärker. Nutzt du sie selten, bauen sie sich ab — das Prinzip „use it or lose it“ gilt fürs Gehirn genauso wie für die Muskulatur.
Was das für deinen Familienalltag bedeutet
Für Mütter und Familien ist das eine der ermutigendsten Erkenntnisse der modernen Hirnforschung: Du bist deinen eigenen Reaktionsmustern nicht hilflos ausgeliefert. Wenn du merkst, dass du in stressigen Momenten schnell laut wirst oder dich überfordert fühlst — das ist kein Charakterfehler, sondern ein trainiertes Muster. Und trainierte Muster lassen sich umtrainieren.
Jedes Mal, wenn du bewusst anders reagierst — kurz innehältst statt sofort zu reagieren, zuerst zuhörst statt sofort zu lösen — stärkst du eine neue neuronale Spur. Am Anfang fühlt sich das ungewohnt und anstrengend an, genau wie die ersten Wiederholungen im Fitnessstudio. Mit der Zeit wird es leichter.
Auch die Gehirne deiner Kinder werden geformt
Besonders relevant für Eltern: Kindergehirne sind noch formbarer als erwachsene Gehirne. Die Muster, die in der Familie wiederholt werden — wie über Gefühle gesprochen wird, wie mit Konflikten umgegangen wird, wie viel Raum für echtes Zuhören da ist — prägen die neuronalen Verbindungen deines Kindes mit. Das ist kein Grund zum Perfektionismus, sondern eine Einladung: Kleine, wiederholte Veränderungen im Alltag wirken auf lange Sicht mehr als der eine „perfekte“ Moment.
Der Weg dorthin
Neuroplastizität heißt nicht, dass Veränderung leicht oder schnell geht. Sie heißt, dass Veränderung möglich ist — mit Wiederholung, Geduld und ohne den Anspruch an dich selbst, alles sofort richtig zu machen. Genau hier setzt Coaching an: nicht als einmaliges Gespräch, sondern als begleiteter Weg, auf dem sich neue Reaktionsmuster wirklich verankern können.
Forschung dazu…
Wie sich das Gehirn wirklich trainieren lässt. Apotheken Umschau. apotheken-umschau.de/mein-koerper/gehirn-und-gedaechtnis/gehirn-wie-es-sich-wirklich-trainieren-laesst-1262037.html
Kempermann G. Neurodegenerative Erkrankungen und zelluläre Plastizität als sportmedizinische Herausforderung. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin. 2015;66:31–35. doi:10.5960/dzsm.2015.163
Babu H, Ramirez-Rodriguez G, Fabel K, Bischofberger J, Kempermann G. Synaptic Network Activity Induces Neuronal Differentiation of Adult Hippocampal Precursor Cells through BDNF Signaling. Frontiers in Neuroscience. 2009;3:49.
Erickson KI, Voss MW, Prakash RS, et al. Exercise training increases size of hippocampus and improves memory. Proceedings of the National Academy of Sciences USA. 2011;108(7):3017–3022.