Herbstmüde? Was Licht, Rhythmus und Erwartungen gerade mit euch machen

Am 25. Oktober werden die Uhren zurückgestellt. Wie sehr wir Menschen die Jahreszeiten tatsächlich spüren, warum Eltern gerade jetzt so viel von sich verlangen – und was in der dunklen Zeit wirklich hilft.

Es gibt jedes Jahr diesen einen Moment im Oktober. Du kommst nachmittags mit den Kindern nach Hause, und draußen ist es schon dämmrig. Die Jacken liegen auf dem Boden, jemand hat Hunger, jemand ist müde, und du merkst: Du hättest eigentlich noch so viel vorgehabt. Als Mutter von vier Kindern kenne ich diesen Moment gut. Und ich höre ihn in meinen Gesprächen mit Müttern und Eltern gerade wieder auffallend häufig. Neulich sagte mir eine Mutter in einem Gespräch sinngemäß: „Seit die Tage kürzer sind, schaffe ich nichts mehr – und ärgere mich über mich selbst.“

Spannend ist, was in diesem Satz steckt: Er beschreibt eine Beobachtung („Ich schaffe weniger“) und sofort ein Urteil („…und das ist mein Problem“). Genau diese Verbindung ist der Kern dieses Artikels. Denn zwischen dem, was im Herbst tatsächlich mit uns passiert, und dem, was wir daraus machen, liegt ein großer Spielraum.

Spüren wir die Jahreszeiten – wie Tiere es tun?

Tiere machen es vor: Fellwechsel, Winterruhe, mehr Rückzug. Auch uns steuert vor allem das Licht. Es stellt jeden Tag unsere innere Uhr, und im Herbst und Winter bekommen wir davon deutlich weniger ab.

Eine Schweizer Studie (Münch et al., 2017) hat das gemessen: Im Sommer lag die Helligkeit tagsüber bei rund 1.169 Lux, im Winter bei nur rund 128. Das ist etwa ein Zehntel. Im Winterhalbjahr leben wir in einer viel dunkleren Welt, auch wenn wir es kaum merken.

Eine Einordnung gehört dazu: Untersucht wurden nur Erwachsene zwischen 47 und 78 Jahren, keine Kinder. Und die Stimmung war im Winter sogar besser als im Sommer. Den „Herbstblues“ gibt es also nicht für alle. Wer dir erzählt, im Herbst sei jeder müde oder gedrückt, vereinfacht.

Aus der Praxis sagt eine Psychologin vom Klinikum Gmunden (Pressemitteilung, Oktober 2025): Das fehlende Tageslicht ist das größere Thema als die Zeitumstellung. Wer wenig draußen ist, bleibt tagsüber eher müde, hat weniger Antrieb und mehr Lust auf Süßes. Das ist eine Erfahrung aus der Praxis, keine Studie. Sie erklärt aber, warum eine Runde im Hellen oft mehr bringt als ein weiterer Kaffee.

Und die Kinder? Was wir wissen – und was nicht

Belastbare Studien dazu, dass Kinder im Herbst „anders getaktet“ sind, gibt es kaum. Was die Entwicklungspsychologie dagegen gut beschreibt, ist die Co-Regulation. Kinder beruhigen sich zu einem großen Teil über die Ruhe der Erwachsenen. Sind Eltern erschöpft, gereizt und im Dauerstrom, spüren Kinder das – häufig deutlicher als jedes Wetter.

Das ist kein Vorwurf, sondern eine Chance. Wenn die Stimmung der Eltern so viel Einfluss hat, dann wirkt jede Entlastung bei dir auch bei den Kindern. Und im Herbst gibt es viel zu entlasten: Infektsaison in Kita und Schule, früh einsetzende Dunkelheit, Laternenumzüge, Elternabende, der Jahresendspurt im Job und der erste Blick auf die Feiertage. Das ist weniger „Biologie“ als ein Zusammentreffen vieler Anforderungen.

Der eigentliche Hebel: Erwartungen, nicht nur Energie

Im Coaching begegnet mir immer wieder dasselbe Muster: Wir messen uns im Oktober an der Leistung vom Juni. Im Sommer ist es hell, alles fühlt sich leichter an, wir sind draußen, die Abende sind lang. Im Herbst bleibt die Erwartungshaltung gleich, obwohl sich die Bedingungen verändert haben. Die Folge ist ein ständiges Gefühl, nicht zu genügen.

Wir Menschen verlangen uns im Winterhalbjahr oft dasselbe Pensum ab wie im Sommer. Arbeit, Schule, Haushalt, Freizeit – alles läuft im selben Takt, egal wie viel Licht wir bekommen. Eine bewusste Anpassung ist deshalb keine Schwäche, sondern eine Form von Realismus. Ein Wechsel in einen sparsameren Modus ist nicht Faulheit, sondern Haushalten mit begrenzter Energie.

Wo es zwischen Eltern kippt

Interessant wird es auch in der Partnerschaft. Wenn beide müde sind, werden Gespräche knapper, Aufgaben bleiben liegen, und der Mental Load – das unsichtbare Organisieren, Erinnern und Vorausdenken – bleibt häufig bei einer Person hängen. Im Herbst wird das besonders spürbar, weil mehr Termine, mehr Infekte und mehr Planung (Kleidung, Laternen, Geschenke) zusammenkommen. Das führt in manchen Familien zu leisen inneren Konflikten: Du fühlst dich überwältigt, und gleichzeitig hast du das Gefühl, nicht „schon wieder“ etwas einfordern zu dürfen.

Was im Alltag wirklich hilft

•  Morgenlicht nutzen. Auch bei Bewölkung ist es draußen deutlich heller als in Innenräumen. Eine Runde vor die Tür, am besten am Vormittag, gilt als einfachster Hebel. Wenn das nicht geht, nennt die Quelle Tageslichtlampen (3.000 bis 10.000 Lux) – bitte vorher ärztlich klären, ob sie für dich geeignet sind.

•  Rhythmus statt Leistung. Feste Anker (Aufstehen, Essen, Schlafen) tragen Kinder und Erwachsene besser durch die dunkle Zeit als ein perfekt durchgetakteter Plan.

•  Eine „Winterliste“ schreiben. Was darf bis März warten? Welche Verabredung, welche Aufgabe, welcher Anspruch an dich selbst? Entlastung entsteht selten durch mehr Organisation, sondern durch weniger Erwartung.

•  Das Energiebudget kennen. Nimm dir einen Zettel und schreibe auf: Was kostet mich Energie? Was gibt mir Energie? Und: Wo habe ich in den letzten Wochen mehr ausgegeben, als ich hatte? Schon dieses Aufschreiben verändert den Blick.

•  Aufgaben im Herbst neu verteilen. Wer holt wann ab, wer übernimmt Arzttermine, wer denkt an die Feiertage? Wenn der Mental Load dauerhaft bei einer Person liegt, wird er im Herbst besonders spürbar.

•  Gemeinsame Rituale mit Kindern. Ein kurzer Spaziergang nach der Kita, Kerzenlicht am Abend, Suppe am Wochenende: Kleine, verlässliche Dinge geben Halt.

Drei Fragen für dich

•  Woran messe ich mich gerade – und gilt dieser Maßstab für die Jahreszeit, in der wir stehen?

•  Was darf ich diesen Herbst bewusst weniger tun, ohne mich zu rechtfertigen?

•  Wer oder was gibt mir Licht – im wörtlichen und im übertragenen Sinn

Wo mein Coaching ansetzt

Im Coaching geht es nicht darum, den Herbst „wegzuoptimieren“. Es geht darum, deinen Alltag so zu gestalten, dass er zu deinen Kräften passt – gerade dann, wenn sie knapper werden. Für dich und für euch, wenn der Mental Load sich überwältigend anfühlt, Erziehung mehr Nerven kostet, als sie sollte, die Verbindung zu dir selbst weniger wird oder Beruf und Familie kaum unter einen Hut passen. Und auch für Unternehmen, die ihre Mitarbeiter mit Kindern in dieser Zeit durch ein fundiertes Coaching-Angebot unterstützen und binden möchten.

Individuell, pragmatisch und online – auf Deutsch und Englisch. Mehr Infos: www.family-coaching-avd.com